Immer wieder mal ertönt der Ruf, das „Schreckensfach Mathe“ zu entschärfen. Das äußern dann wichtige Leute, die sich um Deutschlands Abschneiden in der Konkurrenz der High-Tech-Nationen sorgen – Politiker, Pädagogen, Stiftungs-Vorstände. Und alle nicken beifällig und wünschen der Entschärfung Gelingen, zweifeln aber auch daran – denn dass Mathe ein Schreckensfach ist, das hat jeder drauf. Selbst die Guten in Mathe kennen das von den anderen. Ein verbreitetes Urteil, und grundverkehrt.
Wollen wir ihn mal dingfest machen? Wo haust er eigentlich, wo kommt er denn her, der Schrecken der Mathematik?
Denkt man an die Oberstufe, da kann einem schon der Schädel brummen mit unbestimmten Integralen, Produkt- und Kettenregeln, etc. Andererseits, wenn man schon die Ableitungen diverser Funktionen x-fach gebildet hat, sieht man leicht, dass die Regeln zur Integration nur Hilfen sind, den Ableitungsschritt umzukehren. Also liegt der Schrecken schon früher – in der Kurvendiskussion vielleicht, wo die Gleichung y = f(x) nicht mehr zum Ausrechnen benutzt wird, sondern das f selbst interessieren soll? Aber geben wir’s zu – das Ausrechnen, das Umformen, das Lösen von Gleichungen hat auch schon seine Tücken. Und die machen, wenn man sie nicht fehlerlos beherrscht, jede Aussage über das f zum Glücksspiel.
Der Schrecken steckt also schon im Rechnen – aber wo genau? Im Dreisatz, im Umgang mit Brüchen? Wer weiß, was ein Produkt ist, den kann eine Proportion nicht schrecken. Aber für manche fangen die Probleme ja noch früher an – die zählen auf die 9 noch 12 drauf, in Schritten von Eins, um zur Summe 21 zu gelangen. Weil sie sich im Stellenwertsystem nicht zuhause fühlen und daher gar nicht rechnen können.
Damit sind wir ganz am Anfang der Mathematik angekommen, beim Zählen. Entspringt er schon hier, der Schrecken der Mathematik? Eins, Zwei, Drei, das kann noch jedes Kind. Bei der Vier wird uns schon mulmig, und dann die Fünf, die Sechs – halt, wir haben ihn! Der Schrecken der Mathematik, hier ist er!
Natürlich nicht die Zahl 5 oder 6, sondern die Note. Die ist der Schrecken der droht, mündlich und schriftlich, einmal im Monat, zweimal im Jahr. Mustergültig und unentrinnbar funktioniert im Fach Mathematik die Mechanik der schulischen Auslese[1]. Mit der Benotung wird dem Schüler periodisch die mangelhafte Beherrschung des Lehrstoffes bescheinigt – und ungerührt davon das nächste Lernkapitel eröffnet. Sollte man nicht noch ein paar Einheiten dranhängen, um die gerade aufgedeckten Wissenslücken zu schließen? Im Gegenteil - wenn der Klassendurchschnitt stimmt, sind die Unterschiede abgesegnet. Wo eines so schön auf dem anderen aufbaut wie in der Mathematik, da ist die Akkumulation von Wissenslücken vorprogrammiert. Wer damit einmal begonnen hat, für den ist das Fach Mathe ein Schrecken ohne Ende – die permanente Klippe zum Abgrund des Sitzenbleibens oder letztlich des Ausschlusses von Qualifikationen der gehobenen Art.
Als Hebel der schulischen Auslese zu funktionieren, ist freilich kein Privileg der Mathematik. In diesem Fach trifft es viele, aber letztlich kann jedes Versetzungs-relevante Fach dem einen oder anderen zum Schreckensfach werden, je nach Voraussetzungen und – wodurch auch immer – einmal angehäuften Wissenslücken.
So kommt die Schule ihrem Bildungsauftrag nach. Das Land braucht eben nur eine kleine Elite, an Ingenieuren und Naturwissenschaftlern, Außenministern, Stiftungsvorständen, und einen Papst – und jede Menge Halb- und Unausgebildete für die Drecksarbeit. Dass dafür alle durch die Verteilanlage des Schulsystems geschickt werden, hält sich die Demokratie als Chancengleichheit zugute.
Zurück zur Mathematik. Es sollte nicht gesagt sein, Mathe sei doch ganz einfach, weil Eines so logisch auf dem Anderen aufbaut. Es kommt ja bei jedem Schritt etwas Neues hinzu, das verstanden sein will und geübt werden muss. Jeder Schritt kann nur dann gelingen, wenn die Voraussetzungen verstanden sind – da gibt es in der Mathematik kein Entrinnen. Darin ist sie anders als Deutsch, wo Schwächen in der Rechtschreibung kein Hindernis für ein gutes Referat sind, oder als Geographie, wo Asien wieder egal ist sobald Amerika an die Reihe kommt. Hier schreitet die Schule ohne Rücksicht voran, und die angestrebte Einteilung in Gute, mittlere und schlechte Matheschüler ergibt sich wie von selbst. Schwächen in Mathematik werden so über Jahre aufgebaut, bestehen aus Wissenslücken und unverstandenen Mechanismen und lassen sich auch durch Nachhilfe kaum lindern. Und im Fach Physik, wo man ohne Mathe auf keinen grünen Zweig kommt, schlägt dann die Auslese anhand der Mathematik ein zweites Mal zu. Am Ende kriegt man dieses durchaus bezweckte Ergebnis des Unterrichts als Mangel an Intelligenz zur Last gelegt, und glaubt es womöglich noch: „Mathe – für mich ist das nichts ...“
Der „Schrecken der Mathematik“ ist also einfach das Ausleseprinzip, dem sie im Unterricht so vorzüglich dient. Wer den Schrecken in den Besonderheiten der Wissenschaft vom Rechnen sucht, in der eigenen Begabung oder gar im eigenen Geschlecht, der hat im Unterrichtsfach „Wie funktioniert Ausbildung im Kapitalismus“ gepennt.